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Das Johari - Fenster --- Teil 2

Verfasst: Mi 17. Dez 2025, 17:45
von Henning
Der blinde Fleck
Der blinde Fleck zeigt wie stark wir auf das Feedback von anderen angewiesen sind. Viele, wenn nicht sogar die meisten, Menschen gehen davon aus, dass sie in ihrem Verhalten eindeutig sind, jedoch von Kollegen, Freunde und auch Partner empfinden und erleben es ganz anders. Diese Diskrepanz kann die Kommunikation sowohl im Beruf als auch im privaten Leben stark beeinflussen und bestimmen.
Führungskräfte sollten die unbewussten Anteile erkennen um sie zur Feedbackgabe zu nutzen. Durch diese Rückmeldungen kann man sich weiterentwickeln sofern man sie als Ratschlag versteht und es kann eine Kultur des gegenseitigen Respekts entstehen. Der blinde Fleck ist also nicht defizitär, also Nachteilig, zu betrachten, sondern soll als Hinweis auf ein typisch menschliches Merkmal zu sehen sein, der Begrenztheit der Selbstwahrnehmung.

Der Einfluss des „verborgenen Bereichs“ in unserem Leben
Der verborgene Bereich enthält die Aspekte der Persönlichkeit die bewusst verschwiegen werden, sei es aus Angst, Scham oder Unsicherheit. Diese Gefühle lassen sich zwar verdrängen wirken jedoch unbewusst und unterbewusst auf die Kommunikation.
Dies kann im Alltag zu Missverständnissen führen. Wer diese inneren Anteile nicht zeigt, wirkt auf andere mehr oder weniger verschlossen, was aber auch als misstrauisch und oder distanziert wirken kann. Friedemann Schulz von Thun hat dieses Phänomen als „kommunikative Dissonanz“ betitelt welche sich negativ auf die Zusammenarbeit und Beziehungen auswirken kann.

Welche Rolle nimmt der „Schatten“ von Carl Gustav Jung im Johari – Fenster ein
Der Begriff des „Schattens“ den C.G. Jung geprägt hat ist der Ausdruck der unbewussten und oft verdrängten Persönlichkeitsanteile. Im Johari – Fenster spiegeln sich diese Anteile im wieder besonders im blinden und unbekannten Bereich.
Der Schatten enthält Eigenschaften, die einem idealisierten Selbstbild nicht entsprechen also Neid, Aggression, Eitelkeit und Unsicherheit. Wenn diese Anteile nicht bewusst reflektiert werden, werden sie dennoch unbewusst im Verhalten sichtbar, z.B. in einem rigiden Führungsstil oder etwa in passiv- aggressiver Kommunikation. Daher ist, um eine echte Persönlichkeitsentwicklung zu vollziehen, auch eine Auseinandersetzung mit diesen „dunklen“ Bereichen auseinanderzusetzen.

Wie lässt sich das Thema besser verstehen?
Kommunikation lässt sich nicht nur verstehen sondern auch trainieren. Im beruflichen Alltag lohnt es sich Kommunikationssituationen gezielt zu beobachten sowohl zu sich selbst und auch zu anderen.
Welche Begriffe und Begrifflichkeiten verwende ich?
Wie reagiere ich auf Kritik?
Was drücke ich unterbewusst aus?
Als Möglichkeit der Selbstbeobachtung kann das Führen eines Kommunikationstagebuches helfen. Dies hilft zu reflektieren welche Situationen gelungen sind und welche nicht. Des Weiteren kann können Übungen zur Perspektivübernahme helfen die eigene Wirkung besser einzuschätzen zu lernen, welches ein zentrales Thema in jeder persönlichen Entwicklung ist.

Welche Bedeutung hat Feedback im Johari – Fenster?
Um den offenen Bereich zu erweitern ist der Schlüssel das Feedback. Dieses gibt Aufschluss über die eigenen blinden Flecken und hilft einen Abgleich mit der Fremdwahrnehmung und eröffnet neue Erkenntnisse über die eigene Persönlichkeit.
ABER Feedback braucht Vertrauen. Kritik als persönlichen Angriff zu sehen, verpasst eine Chance zur Entwicklung, da er sich innerlich verschließt. Konstruktive Kritik lässt sich trainieren durch das klare Ausdrücken von Beobachtungen, Gefühlen und Erwartungen.

Den offenen Bereich erweitern aber wie?
Den offenen Bereich zu vergrößern ist das Ziel der Arbeit mit dem Johari – Fenster, dies gelingt über zwei Wege, die bewusste Selbstoffenbarung und das aktive Einholen von Feedback. Das Teilen von eigenen Unsicherheiten ist menschlich und nicht schwach. Wenn andere eingeladen werden ihre Wahrnehmungen zu teilen, ist das ein Zeichen von Stärke.
Dieser Prozess lässt sich in bestimmten Situationen und Trainings gezielt gefördert werden um das gegenseitige Verständnis füreinander zu verstärken.

Was behindert gute Kommunikation und wie lässt sich das verhindern bzw. verändern?
Nicht die äußeren Umstände sorgen für Kommunikationsprobleme, sondern eher durch innere Widerstände, der Angst vor Ablehnung, alte Erfahrungen, eine unklare Sprache oder emotionale Überforderung. Diese Hürden lassen sich zwar nicht vermeiden aber erkennen und überwinden.
Aktives Zuhören, gezielte Fragen, klare Sprache sowie der bewusste Einsatz von Pausen sind hilfreiche Strategien. C. G. Jung beschreibt diese Auseinandersetzung mit den eigenen archetypischen Anteilen als hilfreich, da sie helfen typische eigene Reaktionsmuster zu verstehen. Eigene Muster erkennen hilft das Verhalten neu zu bestimmen und gestaltet auch die Augenhöhe der Kommunikation neugestaltet wird.

Vom blinden Fleck zur Selbstakzeptanz
Das Johari – Fenster kann auch in sensiblen Anwendungsbereichen genutzt werden, ein Beispiel hierfür ist der Umgang mit der „toxischen Scham“ – einem tiefsitzenden Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit oder Wertlosigkeit, welche sich nicht auf einzelne Bereiche, sondern auf das komplette Selbst beziehen – welches häufig bei Menschen auftritt die als „Ersatzkind“ aufgewachsen sind. Das Ersatzkind-Syndrom beschreibt eine traumatisierende Situation in der die Eltern, auf Grund der eigenen Trauer, einem Kind unbewusst die Rolle eines verstorbenen oder idealisierten Kindes aufzwingen, was zu einer psychodynamischen traumatisierenden Konstellation führt. Dies hinterlässt Spuren und die eigene Wahrnehmung auf das Selbst wird dadurch verzerrt oder sogar vermieden. Häufig führen Traumata dieser Art zu einem Verhalten das stark von Perfektionismus, Selbstkontrolle sowie emotionaler Zurückhaltung geprägt ist, d.h. sie verbergen zentrale Anteile der eigenen Persönlichkeit um nicht zu versagen und/oder falsch zu sein.
Dieser Schutzmechanismus spiegelt sich im Johari – Fenster insoweit wieder, dass ein stark ausgeprägter verborgener Bereich entsteht in dem Emotionen wie Wut, Selbstzweifel oder Trauer hingedrängt werden um die Rolle, die einem durch die Familie vermittelt wurde, nicht zu gefährden. Dadurch bildet sich aber auch ein „blinder Fleck“ welchen andere spüren, da etwas nicht „stimmig“ wirkt, was sich in einer überangepassten Freundlichkeit oder eine übersteigerte Leistungsmotivation äußert.

Das Modell bietet die Möglichkeit diese Widersprüche ersichtlich zu machen, die gemachten Erfahrungen zu benennen und sich aus der familiären Geschichte zu lösen. In einem geschütztem Gesprächsrahmens, sei es Coaching, Selbsterfahrung oder Therapie, kann so eine Umwandlung aus dem verborgenen Bereich in den offenen Bereich durchgeführt werden. Durch diese Methode wird das Johari – Fenster zu einer Methode der Selbstbefreiung aber nicht im Sinne einer äußeren Veränderung sondern einer inneren Neuanordnung der Erfahrungen und deren Einordnung.


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